Danach lasst uns alle streben
Aus August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ stammt die deutsche Nationalhymne. Das Politische steckt in zwei Zeilen: im „über alles“ der ersten Strophe und im „Einigkeit und Recht und Freiheit“ der dritten. Geschrieben wurde das Lied 1841 auf Helgoland, das damals britisch war.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Das Lied der Deutschen, eigenhändige Handschrift, 26. August 1841. Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: SBB-PK, gemeinfrei.
Das Lied der Deutschen
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Was da steht
Das Lied hat drei Strophen. Die erste stellt Deutschland „über alles“ und umreißt es mit vier Gewässern: Maas, Memel, Etsch und Belt. Die zweite lobt Frauen, Treue, Wein und Sang, die dritte wünscht dem Vaterland „Einigkeit und Recht und Freiheit“.
Hoffmann datierte das Lied auf den 26. August 1841. Einen Staat namens Deutschland gab es da nicht: Der Deutsche Bund vereinte knapp vierzig souveräne Staaten. Die Melodie schrieb Joseph Haydn 1797 für den Kaiser in Wien, zu den Worten „Gott erhalte Franz, den Kaiser“.
Was dahintersteckt
Der Hintergrund war ein Streit um den Rhein. 1840 forderte die französische Regierung unter Adolphe Thiers den Rhein als Grenze. In Deutschland entstanden darauf Rheinlieder wie „Die Wacht am Rhein“. Hoffmanns Lied nennt weder Frankreich noch den Rhein.
Verkauft war es nach drei Tagen. Am 29. August ging Hoffmann mit seinem Hamburger Verleger Julius Campe am Strand spazieren: „Ich habe ein Lied gemacht, das kostet aber 4 Louisd’or.“ Campe zahlte und brachte es Anfang September mit Haydns Noten heraus.
„Über alles“ lässt sich als Spitze gegen die Fürsten lesen. Die Zeile stellt die Einheit des Landes über die Einzelstaaten. So liest sie die Staatsbibliothek zu Berlin, die Hoffmanns Handschrift verwahrt. Preußen verbot seine „Unpolitischen Lieder“ und entließ ihn Ende 1842 ohne Pension aus der Breslauer Professur.
Sicher ist diese Deutung nicht. Die vier Gewässer folgen der Sprache, wie schon 1813 Ernst Moritz Arndts Lied „Des Deutschen Vaterland“. Memel und Belt lagen außerhalb des Deutschen Bundes, und an allen vier Gewässern wurden auch andere Sprachen gesprochen. Kurt Tucholsky nannte die Zeile 1929 den „törichten Vers eines großmäuligen Gedichts“.
Der Dichter der Freiheit schrieb auch gegen Juden und Franzosen. Sein Gedicht „Emancipation“ von 1840 wirft den Juden „Wucher, Lug und Trug“ vor. 1870 schrieb er in einem Brief vom Hass auf „dies verworfene Franzosengeschlecht“. Freiheitsdrang und Feindbild gehörten zusammen, wie bei Caspar David Friedrich.
Was daraus wurde
Bis zur Hymne brauchte das Lied 81 Jahre, und seitdem wechselte mehrmals, welche Strophe gesungen wird.
| Jahr | Was geschah |
|---|---|
| 1841 | Am 5. Oktober singt die Hamburger Liedertafel das Lied zum ersten Mal öffentlich, zu Ehren des badischen Liberalen Karl Theodor Welcker. |
| 1890 | Helgoland wird deutsch. Bei der Übernahmefeier erklingt das Lied erstmals zu einem offiziellen Anlass. |
| 1914 | Der Heeresbericht meldet, junge Regimenter hätten bei Langemarck singend angegriffen: „Deutschland, Deutschland über alles“. Daraus wird ein Opfermythos. |
| 1922 | Reichspräsident Friedrich Ebert, ein Sozialdemokrat, erklärt das Lied zur Nationalhymne. |
| 1933–1945 | Gesungen wird nur die erste Strophe, danach folgt das Horst-Wessel-Lied. |
| 1945 | Die amerikanische Militärregierung verbietet in ihrer Zone, deutsche Nationalhymnen zu singen oder zu spielen. |
| 1950 | Konrad Adenauer lässt im Berliner Titania-Palast die dritte Strophe singen. |
| 1952 | Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss legen in einem Briefwechsel fest: Das Lied ist Nationalhymne, gesungen wird die dritte Strophe. |
| 1954 | Nach dem Endspiel in Bern singen deutsche Zuschauer die erste Strophe. |
| 1991 | Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl halten fest: Die dritte Strophe ist die Nationalhymne. |
Heuss wollte zunächst eine neue Hymne und scheiterte damit. Seinen Vorbehalt nannte er im Brief von 1952 selbst: Viele kannten Haydns Melodie vor allem als Vorspann zum Horst-Wessel-Lied.
Was das heute heißt
Das Lied enthält zwei Vorstellungen von Nation. Die erste Strophe zieht Grenzen entlang der Sprache. Die dritte nennt Einigkeit, Recht und Freiheit, und für sie hat sich die Bundesrepublik zweimal entschieden.
Eine Lesart liegt dieser Seite nahe. Die dritte Strophe ist ein Auftrag: „Danach lasst uns alle streben“. 1841 fehlten alle drei, und wer die Hymne singt, singt bis heute ein Vorhaben.
In der Mitte steht das Recht. Einigkeit lässt sich von dort aus lesen: als Einigung auf die Regeln, unter denen gestritten wird.
Dazu gehört die Kehrseite. Wer mit „brüderlich“ gemeint ist, lässt das Lied offen, und sein Dichter zählte die Juden nicht dazu. Ein Wir, das heute trägt, meint alle, für die dieses Recht gilt.
Personen: August Heinrich Hoffmann Von Fallersleben, Joseph Haydn, Julius Campe, Ernst Moritz Arndt