Der Hut im Gras
Caspar David Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ ist das bekannteste Bild der deutschen Ostseeküste. Politisch ist schon die Reise, aus der es hervorging: Der Maler, geboren als Untertan der schwedischen Krone, besuchte 1818 eine Insel, die seit drei Jahren preußisch war. 1903 kam es als Werk eines anderen Malers in den Handel.

Caspar David Friedrich: Kreidefelsen auf Rügen, 1818. Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart. Foto: The Yorck Project, gemeinfrei.
Was man sieht
Am Rand einer Steilküste sitzt eine Frau im roten Kleid und zeigt in die Tiefe. Neben ihr kriecht ein Mann im blauen Rock an die Kante, rechts lehnt ein Mann im grüngrauen Rock mit verschränkten Armen an einem Baumstumpf. Zylinder und Wanderstock des Kriechenden liegen im Gras.
Bäume und Grasbühne rahmen den Blick auf Kreide und Meer. Manche sehen in diesem Rahmen ein Herz, andere einen Felstrichter.
Friedrich malte das Bild 1818. Es misst 90,5 × 71 cm und gehört der Stiftung Oskar Reinhart in Winterthur. Auch dieser Ausblick ist zusammengesetzt, aus Skizzen von der Stubbenkammer.
Was dahintersteckt
Die Reise führte in eine Heimat, die gerade den Staat gewechselt hatte. Friedrich wurde 1774 in Greifswald geboren, das mit Rügen seit 1648 zu Schweden gehörte. Im Oktober 1815 wurde beides preußisch. Im Sommer 1818 stellte Friedrich seine Frau Caroline den Verwandten in Greifswald vor und fuhr mit ihr und seinem Bruder Christian nach Rügen.
Er war Deutscher und hielt sich für einen halben Schweden. Schwedisch-Pommern gehörte zum Heiligen Römischen Reich, seine Bewohner waren Deutsche unter schwedischer Krone. Der schwedische Dichter Per Daniel Amadeus Atterbom, der ihn in Dresden traf, schrieb über ihn: „Friedrich ist Pommer, wie dieser“ – gemeint ist Ernst Moritz Arndt – „und hält sich für einen halben Schweden.“ Seinen Sohn ließ er auf den Namen Gustav Adolf taufen, wie schwedische Könige.
Zugleich war er deutscher Patriot. 1813 schrieb er unter eine Baumstudie: „Rüstet Euch heute zum neuen Kampfe, Teutsche Männer, Heil Euren Waffen.“ Mit Arndt, 1769 auf Rügen geboren, teilte er in Dresden den Hass auf die Franzosen. Wie dieser Hass zu Friedrichs Freiheitsliebe gehörte, steht beim Wanderer.
Die Figuren lassen sich politisch lesen. Die politische Deutung, vertreten etwa von Peter Märker, sieht im lehnenden Mann einen „Demagogen“ in altdeutscher Tracht und im kriechenden einen „Philister“ mit Zylinder. Märker verweist auf eine Zeichnung des Tübinger Burschenschafters Wilhelm Hauff von 1822. Dort trägt der Spitzel den Zylinder.
Dagegen spricht einiges. Einen abgelegten Zylinder zeichnete Friedrich schon 1802, und 1818 war die Tracht noch erlaubt. Seit Jens Christian Jensen lesen viele Kunsthistoriker das Bild als Hochzeitsbild: Friedrich hatte im Januar 1818 geheiratet, der Rahmen wäre dann ein Herz. Helmut Börsch-Supan sieht in den Figuren Glaube, Liebe und Hoffnung, die Frau im roten Kleid stünde für die Liebe.
Wer wer ist, bleibt offen. Börsch-Supan erkennt im Kriechenden Friedrich, in der Frau Caroline und im Lehnenden den Bruder Christian, Jensen hält den Lehnenden für Friedrich. Für den Kriechenden spricht ein Erlebnis von 1815: Im August saß Friedrichs Freund Friedrich Gotthelf Kummer in den Kreidefelsen fest. Friedrich kroch an die Kante, sprach mit ihm und holte Hilfe.
Was daraus wurde
Wo das Bild bis 1903 war, ist nicht bekannt. Seine Geschichte danach ist auch die Geschichte eines jüdischen Sammlers.
| Jahr | Was geschah |
|---|---|
| 1818 | Friedrich malt das Bild nach der Reise in Dresden. |
| 1903 | Das Berliner Auktionshaus Lepke bietet es als Werk Carl Blechens an. Danach gehört es dem Textilfabrikanten Julius Freund. |
| 1920 | Freunds Kunstberater Guido Joseph Kern und Kurt Karl Eberlein schreiben es Friedrich zu. |
| 1930 | In der Weltwirtschaftskrise verkauft Freund es für 50.000 Reichsmark an den Schweizer Sammler Oskar Reinhart. |
| 1933 | Freund, als Jude verfolgt, gibt 385 Werke seiner Sammlung ins Kunstmuseum Winterthur. |
| 1939 | Freund emigriert mit seiner Frau nach England. |
| 1941 | Freund stirbt im Armenspital von Wigton. |
| 1942 | Seine Sammlung wird in Luzern versteigert. |
| 1951 | Reinharts Sammlung ist in Winterthur öffentlich zu sehen. Das Bild darf das Haus auf Wunsch des Stifters lange nicht verlassen. |
| 2024 | Zum 250. Geburtstag Friedrichs reist es nach Hamburg, Berlin und zum ersten Mal nach Greifswald. |
Heute ist es das häufigste Titelbild von Büchern über Friedrich. Rügen und Mecklenburg-Vorpommern werben damit.
Was das heute heißt
Wem der Hut im Gras gehört, hängt von der Lesart ab: einem Philister, der die Demagogen belauert, oder dem Maler selbst, frisch verheiratet, auf den Knien an der Kante.
Eindeutig war 1818 auch nicht, wohin Friedrich gehörte. Er war Deutscher, geboren unter schwedischer Krone, ansässig in Sachsen, und seine Heimat war gerade preußisch geworden. Die Nation, zu der er sich zählte, hatte keinen Staat.
Zugehörigkeit hatte für ihn mehrere Schichten: Pommern, Schweden, Deutschland. Ein Wir, das heute trägt, kann mehr als eine Zugehörigkeit aushalten.
Wie schnell sie verweigert werden kann, zeigt Julius Freund. Er sammelte Realisten und deutsche Romantiker, und in seiner Sammlung bekam das Bild seinen Maler zurück. Neun Jahre nach dem Verkauf musste er das Land verlassen, weil es ihn als Juden nicht mehr dazuzählte.
Personen: Caspar David Friedrich, Caroline Friedrich, Friedrich Gotthelf Kummer, Ernst Moritz Arndt