Der Mann im grünen Rock
Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ gilt als das Bild der deutschen Romantik. Was daran politisch ist, steckt im Rock des Mannes und im Jahr 1813. Berühmt wurde das Bild erst nach 1950.

Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817/18. Hamburger Kunsthalle. Foto: Elke Walford, gemeinfrei.
Was man sieht
Ein Mann steht mit dem Rücken zu uns auf einem Felsen und blickt über Nebel auf ferne Gipfel. Friedrich malte das Bild um 1817/18 in Dresden. Es misst 94,8 × 74,8 cm und hängt seit 1970 in der Hamburger Kunsthalle.
Den Berg gibt es nicht. Friedrich setzte die Landschaft aus Skizzen der Sächsischen Schweiz zusammen: ein Fels vom Fuß der Kaiserkrone, der Gamrig bei Rathen, der Zirkelstein, dazu ein Kegelberg aus Böhmen. Was wie ein Augenblick aussieht, ist eine Montage.
Was dahintersteckt
Der Fels stammt aus dem Kriegsjahr. Die Zeichnung, nach der Friedrich den Felsen malte, trägt das Datum 3. Juni 1813. Im Frühjahr war er nach Krippen an der Elbe ausgewichen, um den französischen Besatzern in Dresden aus dem Weg zu gehen. Im Oktober folgte die Völkerschlacht bei Leipzig.
Der Rock lässt sich als Bekenntnis lesen. Der Schnitt des dunkelgrünen Gehrocks erinnert an die altdeutsche Tracht. Diese Mode kam 1813 bis 1815 auf, und Ernst Moritz Arndt warb für sie. Wer sie trug, zeigte sich gegen die französische Herrschaft und bald auch gegen die Fürstenherrschaft alten Stils.
Nach 1815 wurde die Tracht zum Erkennungszeichen der Burschenschaften, in der Demagogenverfolgung ab 1819 wurde sie teilweise verboten. Friedrich kleidete seine Figuren ab 1815 immer wieder so. Über zwei solche Männer vor dem Mond sagte er 1820 ironisch: „Die machen demagogische Umtriebe.“
Sicher ist diese Deutung nicht. Der Kunsthistoriker Ludwig Grote sah in dem Rock die Uniform eines freiwilligen Jägers und im Wanderer einen Gefallenen der Befreiungskriege. Die Museen halten auch einen Försterrock für möglich. Wer der Mann ist, weiß niemand. Und als Friedrich das Bild malte, war die Tracht noch nicht verboten.
Friedrichs Freiheitsliebe hatte eine Kehrseite. 1813 half er, seinen Malerfreund Georg Friedrich Kersting für das Lützowsche Freikorps auszurüsten, und machte dafür 300 Taler Schulden. Derselbe Friedrich bat seinen Bruder, ihm nicht zu schreiben, solange er in Frankreich sei. Freiheitsdrang und Franzosenhass gehörten bei ihm zusammen, wie bei vielen seiner Generation.
Was daraus wurde
Die öffentliche Geschichte dieses Bildes ist kurz: Es tauchte erst in den 1930er Jahren im Kunsthandel auf und wurde nach 1970 zur Ikone. Friedrich selbst war da schon einmal vergessen, wiederentdeckt und missbraucht worden.
| Jahr | Was geschah |
|---|---|
| 1840 | Friedrich stirbt in Dresden. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gerät er fast in Vergessenheit. |
| 1906 | Die Berliner Jahrhundertausstellung zeigt 93 seiner Werke und macht ihn wieder bekannt. |
| 1933–1945 | Die NS-Kunstpublizistik erklärt Friedrich zum „nordischen“ Maler und deutet seine christliche Frömmigkeit um. |
| 1938/39 | Der Wanderer taucht in der Berliner Galerie Luz auf und geht in Privatbesitz. |
| 1950 | Ludwig Grote veröffentlicht das Bild erstmals, unter dem heutigen Titel. |
| 1959 | Die Londoner Tate Gallery stellt es zum ersten Mal öffentlich aus. |
| 1970 | Die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen kauft es für 600.000 D-Mark. |
| 1974 | Zum 200. Geburtstag Friedrichs zeigen Hamburg und Dresden große Ausstellungen. Nach Hamburg kommen über 200.000 Besucher. |
| 1995 | Der Spiegel setzt den Wanderer aufs Titelbild, vor Symbolen der deutschen Geschichte. |
| 2015 | Der Stern zeigt ihn mit Geflüchteten, die aus dem Nebel auftauchen. |
Nach 1945 mieden die Museen Friedrich und die Romantik zunächst. Werner Hofmann, der das Bild 1970 nach Hamburg holte, nannte es später ein Passepartout-Symbol: Jeder kann es für seinen Zweck verwenden.
Was das heute heißt
Der Wanderer hat keinen festen Sinn. Sein Rock war ein Bekenntnis gegen Besatzer und Fürsten, sein Maler wurde als „nordisch“ vereinnahmt, und heute steht das Bild für alles zwischen Fernweh und Krise. Wer sich auf ihn beruft, muss sagen, welche Lesart er meint.
Eine Lesart passt zu dieser Seite. Der Berg ist erfunden, zusammengesetzt aus Stücken, von denen eines in Böhmen liegt. Ähnlich musste um 1818 die deutsche Nation gedacht werden: als Bild aus vielen Teilen, das es so noch nicht gab.
Der Mann sieht deshalb kein fertiges Land. Er sieht Nebel und ein paar Gipfel. Die Nation erscheint hier als Aufgabe.
Dazu gehört die Kehrseite. Dieselbe Generation, die sich ein freies und einiges Land vorstellte, brauchte dafür einen Feind. Ein Wir, das heute trägt, müsste ohne ihn auskommen.
Personen: Caspar David Friedrich, Ernst Moritz Arndt, Georg Friedrich Kersting